Dienstag.
Hätte sich eine Kleinigkeit in der Vergangenheit meiner Eltern geändert, wäre ich auf Hawaii geboren worden. Dann wäre ich jetzt amerikanischer Staatsbürger und dieses Blog hieße wohl eher „To surf or not to surf“. Vermutlich würde ich gar nicht bloggen. Vermutlich würde ich meine Zeit lieber am Strand verbringen als im Haus. (Der einzige Grund warum dem jetzt nicht so ist, ist übrigens, dass der nächste Meeresstrand ziemlich weit weg ist.) Ich wäre jetzt noch auf der Highschool und überhaupt wäre alles anderes. Vielleicht wäre ich total durchschnittlich. So ein Klischee-Sunnyboy-was-weiß-ich. Kann man sich das vorstellen? Ich nicht. Ich höre auch Frau Doktor schon naserümpfend sagen: „Mein Gott, wie singulär.“ Und meine Nicht-wirklich-Tante würde grinsend die Würstel auf den Rost legen und sagen: „Naa. Der Learsander doch net.“ Da stimme ich ihnen zu.
Tag 2 ist auch geschafft. Habe mir für das Projekt eine gänzlich schlechte Woche ausgesucht. Und ich wollte eigentlich ein Leitthema. Das würde das ganze einfacher machen. Pseudophilosophie ist anstrengend. Für die muss ich mich im Nachhinein immer schämen, wenn ich meine Archive irgendwann einmal durchblättern werde. „Gott, war ich ein kleiner Klugscheißer. Ah, ist erst eine Woche her.“
Montag.
Manchmal frage ich mich, wie meine Mitmenschen als Kinder ausgesehen haben. Bei manchen ist es leicht. Frau Doktor war schon mit zwölf Jahren spindeldürr, hatte einen Pferdeschwanz und eine Brille auf der Nase und hat den Buchstabierwettbewerb auf Bundesebene gewonnen. Fünf Mal in Folge. Beim sechsten Mal scheiterte sie am Wort „Xoloitzcuintle“. Señora Motivación war ganz anders: Sie war bestimmt ein hyperaktives, kleines, pausbäckiges Mädchen mit roten Haaren. Mit irgendeinem Faible, wahrscheinlich für Tiere, bestimmt einmal für Pferde und in späteren Jahren für französische Existentialisten.
Die Frau von nebenan dagegen hatte eine Zahnspange, Sommersprossen und eine lockige Mähne. Und sie hatte bestimmt ein rot gepunktetes Kleid im Kleiderschrank hängen. Ihr Mann war ein drahtiger, Fußball vernarrter Junge, mit nicht so viel Sinn für Kunst oder Romantik. Eben ein ganz normaler Junge.
Oh, und meine knuddlige nicht-wirklich-Tante mit dem urkomischen bayerischen Akzent: Sie hatte schon mit neun Jahren ganz kurze blonge Haare, hat am Wochenende mit weißer Schürze und stolzem Grinsen beim Würstelverkauf ausgeholfen und ihre erste Liebe hieß ganz sicher Hans. Oder Peter. Oder Willi.
Ich denke gerne über meine Mitmenschen nach. Obwohl ich den starken Verdacht habe, dass die Wahrheit über diese Personen jede meiner Vermutungen oder Vorstellungen weit in den Schatten stellt.
Tag 1 ist geschafft. Und es war ein harter Tag. Die Welt hasst Montage. Und trotzdem gibt es sie. Ja, jetzt haben wir auch etwas, über das wir nachdenken können. Bis morgen! :-)
Lulla, lulla, lullaby, lulla, lulla, lullaby. (Midsummer Night’s Dream, II, 2)
Immer wenn ich keine Zeit dazu habe, nehme ich mir ein paar Dinge vor, die ich in meiner Freizeit unbedingt einmal machen möchte. Und dann habe ich die Zeit und mache gar nichts, bis dann plötzlich wieder der Stress anfängt, weil ich alles bis zur letzten Minute aufschiebe. (Und ich bin jedes Mal auch noch von Neuem überrascht.) Dann nehme ich mir wieder ein paar Dinge vor, die ich in meiner Freizeit unbedingt mal machen möchte. Und dann habe ich die Zeit und mache gar nichts, bis … und so weiter.
Meine Ferien waren nett, aber ziemlich unproduktiv. Ich wollte eigentlich viel mehr für dieses Blog machen, mal wieder mehr schreiben und auch endlich diese verdammten Fotos hochladen. Aber dazu bin ich offensichtlich nicht in der Lage.
Vielleicht sollte ich mir für die nächste Woche einmal vornehmen, jeden Tag einen kleinen Post zu schreiben? Nur einen kleinen zu einem ganz alltäglichen Thema. (Ich vermute nämlich, dass ich mindestens die Hälfte aller erzählenswerten Dinge schlichtweg vergesse oder übersehe.)
Und dieser Text hat schon wieder keinen Anfang und kein Ende. Argh. Aber löschen will ich ihn jetzt auch nicht mehr. Trotzdem. Frau Doktor würde jetzt sicher tadelnd den Kopf schütteln. ‘Mein Gott, wie singulär. Entbehrt jeglicher Aussage.’ Ich mag Frau Doktor.
Es bleibt mein Plan. Ab Montag eine Woche lang jeden Tag ein Post. Und jetzt. Schlafen.
(Hamlet III, 2)
Wisst Ihr was? Ich bin ein unglaublich glücklicher Mensch mit einem unglaublich glücklichem Leben.
Ich hoffe, Euch geht es genauso.
(Hamlet, III, 3)
Mir kam gerade eine ganz spontane Idee: Sollte ich mein Abitur schaffen, lade ich euch alle in einer zentralen Stadt Deutschlands zum Essen ein. So. Super Idee, finde ich. Allzu viele dürfen aber nicht kommen, das kann ich mir nicht leisten. :-)
Bis dahin ist dauert es aber noch eine Weile. Ich glaube, dass langsam die Winterdepression umgeht. Zeitumstellung, Schnee im Oktober, dann steckt mich die protagonistin auch noch mit ihrer midblogcrisis an. Mein Sozialkundelehrer ist übrigens der Meinung, dass der Geburtenrückgang die rückläufige Reproduktionsrate auch an unserem apokalyptischen Weltbild liegt. Man will keine Kinder in eine vom Klimawandel und Schweinegrippe geplagte Welt setzen. Hätte man sich das ein paar Generationen früher gedacht, hätte es übrigens keinen Nationalsozialismus gegeben, mit ein bisschen Glück auch keinen Stalinismus. Stellt euch mal vor, die Bush-Ära hätte nie stattgefunden! Es wäre keiner mehr da um Autos zu fahren, wir hätten keinen so rasanten Klimawandel und Autounfälle gäbe es auch nicht mehr. Wir könnten uns alle gemeinsam mit einer Papiertüte über dem Kopf auf den Boden legen und auf das Ende warten. Wir könnten so eine Art Mini-Apocalypse ins Leben rufen.
Ich schweife ab und werde sarkastisch. Deswegen setzen wir jetzt alle am besten unsere rosarote Plüschbrille auf und sehen die Sache mal so: Die Erde ist der einzige Planet mit Schokolade und Shakespeare. Und, Klimawandel hin oder her, die Erde HAT immerhin ein Klima. Die Erde hat zwar auch Schulen, aber die Erde hat auch Schulabschlüsse und eine Zeit danach. (Das munkelt man im Klassenzimmer zumindest gerüchteweise. Ich bleibe skeptisch.)
Der Winter ist übrigens die einzige Jahreszeit, an dem man guten Gewissens Lebkuchen und Plätzchen essen kann. (Ich esse Weihnachtsplätzchen auch im Juli, aber sie werden doch zunehmend härter, je länger man sie aufbewahrt). Dazu kommen Glühwein und Punsch. Und endlich kann man wieder die Winterjacken und Schals anziehen, für die man letztes Jahr total viel Geld ausgegeben hat.
Ich nehme mir vor, meine Winterdepression noch so lange zu leugnen, bis ich morgens um sechs Schnee schaufeln muss. Dann ist der Spaß aus.
(What you will, II, 2)
Ich bin gerade so richtig sprachlos. Everything is illuminated ist der beste Film, den ich in diesem Jahr gesehen habe. Vielleicht sogar der beste seit mehreren Jahren. Ich finde gar keine Worte für ihn. Nicht einmal bei Shakespeare.
Einfach beeindruckend. Und jetzt gehe ich erst einmal das Buch lesen. Ausnahmsweise bin ich froh, zuerst den Film gesehen zu haben und danach das Buch zu lesen.
(As you like it, I,1)
Liebes Tagebuch,
gestern sind wieder viele Sachen passiert. Barack Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen und die USA hat dem Mond den Krieg erklärt. Das haben sie gemacht, weil sie Wasser finden wollen, was ich aber doof finde, weil Amerika doch eigentlich zwei Ozeane neben sich hat, darüber weiß ich nämlich bescheid, ich habe in Erdkunde aufgepasst. Vielleicht kann man mit Wasser auf dem Mond andere Sachen machen als mit dem Wasser auf der Erde.
Das mit dem Friedensnobelpreis finde ich komisch, weil ich nämlich keinen bekommen habe, als ich Ahmadinedschad einen Brief geschrieben habe und ihm erklärt habe, dass Atomwaffen blöd sind. Aber vielleicht wussten die Leute in Stockholm das nicht. Und vermutlich hat Obama mehr Briefe geschrieben als ich.
Ansonsten ist nichts mehr passiert. Ich schreibe dir morgen wieder. Schlaf gut,
dein Learsander
Vermutlich ist es normal, dass Schiller und Goethe einem mit zunehmender Auseinandersetzung mit ihren Ideen immer unsympathischer werden. Verzogene kleine Rotzgören, die sich in einer kuschlig-demokratischen Bonbon-Welt zurückziehen, und mit der Französischen Revolution, der Realität und der Demokratie nichts zu tun haben. Erst brauchen sie einen jahrelangen Egotrip, von wegen Genie, Ideale und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und so, und dann verfetten sie in einem Ort, den sie Kunst nennen, der aber nicht Kunst ist, weil er die Realität verlassen hat. (Ideale, Egotrip, Realität verlassen? Story of my life.)
Ich sag ja nur. Shakespeare hat wenigstens noch Sinn für Humor. („Oh, ‘fun’, we tried that once, it was nothing but pain and frustration.“ Nicht von Shakespeare, nein, aus der Apple-Werbung.)
Der Text hat heute keinen roten Faden, also mache ich mal einfach weiter. Ich versuche jetzt jeden Titel immer ein Shakespeare-Zitat (man fängt den Satz an und weiß nicht wie er aufhören soll) … sein zu lassen. Also jeder Titel wird in Zukunft ein Shakespeare-Zitat sein. (Besser.) Dann kommt der Gute wieder mehr zu Wort. Natürlich fallen mir NIE die passenden Zitate ein, wenn ich sie mal brauche. (Ich sollte so etwas wie ein Computerprogramm schreiben. Stichwort „Goethe Schiller Kritik“ eingeben und das passende Shakespeare Zitat wird ausgegeben. Zum Glück habe ich so viel Ahnung von Computern.)
Ich wünschte, ich könnte meinen Lehrern sagen, sie sollen aufhören meine Mailadresse mit lauter Arbeitsaufträgen vollzuspammen. In einer besseren Welt konnten Lehrer noch nicht mal einen PC im Klassenzimmer ohne Hilfe hochfahren. Mittlerweile können sie sogar Emails mit Anhängen verschicken (Hey, ich hab da ein paar tolle Klimadiagramme im Anhang!). Aber die Lehrer-Schüler-Beziehungen haben sich geändert, und in mehr als nur der Email-Hinsicht. Zu diesem spannenden Thema gibt es bestimmt noch mal mehr. :-)
Der Herbst ist da. Und ich geh jetzt schlafen essen, bevor ich mehr Unsinn schreiben kann.
Unsere Nachbarskinder werfen einen Ball in unseren Garten, klingeln und fragen höflich, ob ich ihn holen könnte. Kein Problem. Ich übergebe den Ball. Fünf Minuten später werden alle drei Kinder von ihrer Mutter zur Sau gemacht, weil sie den Ball wieder reingeworfen haben. „Aber wir haben doch-“ „Halt’s Maul oder du fängst eine!“. Ich übergebe den Ball, diesmal an die Mutter. „Es tut mir leid.“ Mir tut’s auch leid, wie Sie mit ihren Kindern umgehen. Bitch.
Ansonsten war ich am Wochenende leider abgeschottet von der Außenwelt. Ich kann gar nicht glauben, wie viel wir schon lernen müssen. Da ist das Arbeiten im Vergleich sogar ganz entspannend (und immerhin macht es da nach jeder Stunde „Bling“ und ich weiß, dass es meinem Kontostand wieder ein bisschen besser geht).
Naja, die Situation ist im Allgemeinen aber besser. Ich habe mich mit den meisten Lehrern arrangiert. Englisch ist mein einzig übriggebliebenes Lieblingsfach, aber der Unterricht ist so gut, dass er für vieles entschädigt.
Ich habe übrigens keinen grauenhaften Donnerstag mehr oder so – und das ist echt ein Fortschritt! Lieblingstag bleibt weiterhin der Mittwoch. Montag und Dienstag sind die anstrengensten und längsten Tage. Aber immerhin ist dann schon am Anfang der Woche alles geschafft.
So, und jetzt arbeite ich noch ne Runde und verarbeite die Spanischvokabeln im Schlaf. (Spanischvokabeln!! Seit Ewigkeiten endlich wieder!)
(Wisst Ihr, wo Shakespeare ist? Ich auch nicht.)
Mich gibt es noch! Und ich vermisse das ausführliche Bloggen (nicht diese Wischi-waschi-Einträge) schon sehr. Aber mehr ist im Moment gerade leider nicht möglich.
Ob ich mittlerweile von meinem depressiven I-Ah-Trip runtergekommen bin? Teils teils. Irgendwie kann sich mein Leben gerade noch nicht entscheiden. Seit zwei Wochen hatte ich jetzt immer einen guten Tag und einen schlechten, einen guten, einen schlechten, einen guten, einen schlechten und so weiter. Das stresst mich gewaltig. Aber morgen müsste statistisch gesehen ein guter Tag sein, also besteht Hoffnung. :-)
Ich gehe ja jetzt wieder in die Schule und da läuft sehr vieles leider noch überhaupt nicht so, wie es sein sollte. Ich muss in vielen Dingen Kompromisse eingehen und mich von meinen Wunschträumen verabschieden, denn begünstigt hat mich Fortuna bzw. mein Oberstufenkoordinator nicht gerade. Mehr dazu gibt es irgendwann, wenn diese verdammten Kopfschmerzen weg sind und ich mal ausgeschlafen habe.
Ah, und noch was: Sollten wir nicht eine Internet-weite Suchaktion, wie „Findet Donna!“, starten?
Am Wochenende gibt es mehr aus meiner knuddlig-kuschlig-rosafarbenen Zuckerhütchen-Welt!
Learsander